Zwischenbilanz
12. August 2008. Aufenthaltsgenehmigung..
Die Stadt ist schön. Die Stadt ist hässlich. Die Leute sind mal hübsch und gepflegt. Die Leute sind auch mal verkracht und arm. Die Häuser sind mal die teuersten Eigentumswohnungen oder sie sind mal die schiefsten Baracken, wo die Wandfarbe wie trockene Haut abblättert. Ich stolpere über die Müllsäcke an manchen Strassen, weil man sie halt auf die Strasse wirft, wenn der Müllmann kommt. Aber man lebt diese urbane Disharmonie ohne nachzufragen, warum es so ist. Das ist eben Montreal. Denn inmitten dieses Wirrwarrs von Schön und Hässlich gedeiht der Charme. Und davon hat Montreal viel; man kann sich kaum an den verwinkelten Dachgiebeln der Häuser sattsehen oder an der unterschiedlichsten Architektur, die Seite an Seite ein Potpuorri aus den verschiedesten Baustilen bildet. Die Vielfalt an Türen, die in jeder Farbe, jedem Zustand und Material die Häusserreihen schmücken ist ein Spaziergang wert. Es ist eine Stadt der Eindrücke.
Nach vielem Hin- und her ist meine Aufenthaltsgenehmigung endlich da. Und wieder werde ich mit einer Nummer identifiziert. In Schweden ist es nähmlich auch so! In good old Germany reicht das Geburtsdatum und der Name und man fühlt sich beim Kreisverwaltungsreferat fast wie eine Person.
Im Dezember beantragten wir meine „Permanent Residenz“. Ende Juni bekamen wir Bescheid, dass die Papiere im Berliner Konsulat nun fertig zum Abholen sind. Schluck! Ein Wochenende trip nach Berlin, nur um diese Papiere abzuholen schien mir sehr kompliziert, teuer und sehr überflüssig worauf ich schleunigst begann, höchst freundliche Emails an Berlin zu schreiben. „Im Sonderfall kann man den Pass an das Konsulat schicken“, wurde mir mitgeteilt. Ich stellte mir vor, dass die Sachbearbeiter eine ältere, kühle Dame mit einer Brille auf der Nase war, die mit einem strichdünnen Mund die Aufgabe hat, solche Antworten zu schreiben. Ich fragte dann natürlich gleich, ob ich mich diesem Sonderfall anschliessen könnte und zum Glück stimmten sie zu und der Pass wurde verschickt. „Die Bearbeitungszeit werde höchstens 14 Tage dauern“, teilte meine Sachbearbeiterin mit.
Zu dieser Zeit wurden wir von unserem Freund Bill, der in Boston lebt zu seinem Haus in Provincetown eingeladen. Da Claude sich sehr nach einem wohl verdienten Urlaub sehnte und ich auch gerne verreisen wollte, sagten wir mit Freude zu und legten den Urlaub, zusammen mit unserem Freund Pierre, in den Zeitraum des geplanten Eintreffens meines Reisepasses.
Die Zeit kam, in der der Pass hätte kommen sollen. Aber der Pass kam nicht. Ich schrieb wieder an das Konsulat in Berlin (die Öffnungszeiten sind 9-11 Uhr was hier 3-5 Uhr morgens ist. Deswegen immer die Emails) das mittlerweile nur in Kurzform ohne weder Hallo noch Gruss antwortete. „Wir haben den Pass schon geschickt, aber er wurde an uns zurückgeschickt!“. Ich dachte, dass die Dame mit dem strichdünnen Mund nun auch strichdünne Augen bekommen hatte.
Der Urlaub wäre beinah den Bach hinunter gegangen, aber es gelang es uns doch – nach ein paar freundlichen Mails an Berlin, den Pass per UPS zwei Tage später zu bekommen. Wir waren unbeschreiblich glücklich, aber ich glaube, Berlin war am glücklichsten.
Heute ist das Wetter trüb und die Sonne kämpft mit den Wolken. Sie scheinen diesen Sommer die Überhand zu haben, aber mir ist es recht. Das heisse und schwüle Wetter, das hier sonst in den Sommermonaten herrscht, ist mir zuwider. Man ist und bleibt ein kühler Schwede. Und der Gestank von einem in der Sonne badenden Müllsack am Strassenrand ist bei weniger Hitze nicht ganz so auffällig. Aber ob er sich dem Charme Montreals anschliessen darf, bin ich mir noch nicht so sicher. Ich glaube, ich hätte ihn lieber in einer Mülltone. Manche Sachen ändern sich nie.